Nachruf: Rita „Tommy“ Thomas - Bubi, Hundefriseurin, Aktivistin

Die 1931 in Berlin-Weißensee geborene Rita Thomas war sich schon früh darüber klar, dass sie sich zu Frauen hingezogen fühlt. Seit ihrem 15. Lebensjahr nannte sie sich „Tommy“. Ganz selbstbestimmt war auch ihr beruflicher Werdegang: Nach Hilfsarbeiten im Schaustellergewerbe machte sie eine Ausbildung zur Tierfriseurin, arbeitete in einem Hundesalon in Berlin-Friedrichshain, dressierte Hunde für Theater und Film und betreute Tiere in der Schutzhunde-Staffel in Berlin-Buch.

Tommy hat ihre Liebe zu Frauen zeitlebens offen ausgelebt. Sie ging gern aus und besuchte seit den frühen 1950er Jahren mit ihrer lebenslangen Freundin Helli die West-Berliner Homosexuellenlokale. Fotos aus der Zeit zeigen sie mit Elvis-Tolle, Krawatte und Trenchcoat als Bubi, wie sich männlich gebende Frauen damals genannt wurden. Nach dem Mauerbau 1961 und damit dem Verlust der West-Berliner Ausgehszene richtete sie ihre Wohnung in Berlin-Friedrichshain als Treffpunkt für homosexuelle Frauen und Männer ein. Mit engeren Freundinnen traf sie sich in ihrer Datsche in Weissensee. 1973 war sie Mitgründerin der Homosexuellen Interessengemeinschaft Berlin (HIB), dem ersten Zusammenschluss von Lesben und Schwulen im damaligen Ostblock, und sie spielte auch in deren Kabarett Hibaré mit.

Tommy hat oft und gern Auskunft über ihr Leben gegeben und uns damit unschätzbare Einblicke in schwul-lesbisches Leben in Berlin seit den 1950er Jahren ermöglicht. Christina Karstädt und Anette von Zitzewitz porträtierten sie 1992 in ihrem Dokumentarfilm „...viel zu viel verschwiegen“ über lesbische Frauen in der DDR und in der gleichnamigen Buchpublikation (Hoho Verlag Berlin 1996). 2003 wirkte sie als Zeitzeugin in der Ausstellung „mittenmang. Homosexuelle Männer und Frauen in Berlin 1945-1969“ mit, kuratiert im Schwulen Museum von Maika Leffers und Karl-Heinz Steinle. 2016 gab sie ein umfangreiches lebensgeschichtliches Interview für das Archiv der anderen Erinnerungen der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld. 2017 konnte mit ihr zusammen ein Teil ihrer großen Fotosammlung digitalisiert werden, die eine einzigartige Dokumentation lesbischen und schwulen Lebens in Ost-Berlin darstellt. Die Fotos sind im feministischen Archiv FFBIZ zugänglich.

Nachdem sie noch im November bei einer Veranstaltung zu lesbischen Lebenswelten in Berlin aus ihrem Leben berichtet hatte, starb Tommy im Dezember 2018 überraschend nach einer Operation. Wir trauern mit ihrer Freundin Helli, ihrer Familie und ihren Freundinnen und Freunden.

Roman Klarfeld, Andrea Rottmann, Karl-Heinz Steinle