Rede von Sabine Hark anlässlich der Trauerfeier für Ursula Nienhaus

Ursula Nienhaus

21.12.1946 - 17.4.2020

Wir verabschieden und gedenken heute Ursula Nienhaus. Feministin, Historikerin, leidenschaftliche Demokratin, messerscharfe und unnachgiebige Diskutantin, Forscherin, Lehrende und Archivarin. Zusammen mit Barbara Duden, Gisela Bock, Claudia Bernadoni und vielen anderen Frauen – Hilde Radusch, Sabine Spiesmacher, Ilse Wolter, Barbara Martin, Irene Stoehr, Gisela Vollradt, Brigitte Pittelkau, Ingrid Stuchlik, Gabriele Wohlauf, um nur einige zu nennen – gründete und baute Ursula das Frauenforschungs-, -Bildungs-, und -Informationszentrum (FFBIZ) auf, eines der vielleicht weltweit größten Archive zur Neuen Frauenbewegung seit Anfang der 1970er Jahre.

Als ich Mitte der 1980er Jahre nach Berlin kam, war das FFBIZ längst eine Institution. Es wird kaum eine Feministin in dieser Stadt geben, die nicht nicht an irgendeinem Punkt in ihrem feministischen Leben mit dem FFBIZ in Kontakt gekommen ist. Noch gut erinnere ich mich an die ersten Veranstaltungen, die ich besuchte und teilweise mit organisierte, damals in den ersten Räumen des FFBIZ in der Danckelmannstraße 15. Gut zwei Stunden vor Beginn einer Veranstaltung musste eine da sein, um den Kachelofen einzuheizen. Mit Mütze, Schal und Wolljacke saßen wir trotzdem oft in den Lesungen und Diskussionsrunden.

Auch Ursula selbst war damals bereits eine Institution. für die junge Studentin, die ich damals war – und ich denke, dass gilt für viele in meiner Generation – eine Ehrfurcht und Respekt einfößende Person. Umso mehr ist es mir eine Ehre und Freude, sie ein wenig beerbt zu haben und heute als Vorstandsmitglied des FFBIZ ehren zu dürfen.

Es brauchte viel, Ursula zu widersprechen. Ihre Schlagfertigkeit, Schnelligkeit im Denken und die unfassbare Geschwindigkeit im Sprechen haben viele kennen, schätzen und manche auch fürchten gelernt. Ursula scheute keine fachliche Auseinandersetzung und keine politische Diskussion – auch nicht mit ihren engen und vertrauten Gefährtinnen und Mitstreiterinnen. In über 40 Jahren FFBIZ gab es viele, mitunter heftige Auseinandersetzungen und persönliche Brüche – das FFBIZ hat sie erstaunlicherweise alle überstanden. Dass Ursula heute von zahllosen ihrer Wegbegleiter*innen und Zeitgenoss*innen teilweise kritisch, aber immer mit großem Respekt erinnert wird, spricht für sie.

Ursula blieb dem FFBIZ ihr gesamtes Leben treu. Es war ihr Ankerplatz, der über weite Strecken ihres Lebens auch ihr meist bescheidenes Einkommen sicherte, wenngleich das, was sie – auch finanziell – ins FFBIZ investiert hat, dies am Ende sicherlich bei Weitem übersteigt. Bis zu ihrem Renteneintritt im Jahr 2011 arbeitete sie in wechselnden Beschäftigungsverhältnissen als wissenschaftliche Mitarbeiterin im FFBIZ, zuletzt seit 1995 als dessen Archivleiterin. Sie blieb dem Verein aber auch danach, solange es ihre Kräfte zuließen, im Vorstand und später als Vereinsmitglied verbunden. 

2014 wurde Ursula Nienhaus für ihr jahrzehntelanges Engagement in der Frauenforschung und ihre Arbeit im FFBIZ mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande geehrt. Eine Ehrung, die mehr als verdient war und ist.

Es gehört zu den tragischen Kontingenzen der Geschichte, dass die Historikerin und Archivarin Ursula Nienhaus, deren berufliches Leben dem Erinnern, Aufbewahren und Nicht-Vergessen gewidmet war, von der „Krankheit der Abwesenheit“ getroffen wurde. Sie selbst in unserer Erinnerung anwesend zu halten, ist dem FFBIZ daher Auftrag und Verpflichtung.

Nachtrag

Ursula wurde auf dem Berliner Friedhof Heerstraße im Westend im Grab der Berliner Malerin Augusta von Zitzewitz (1880-1960), das sie selbst über viele Jahre gepflegt hat, beigesetzt. Die Malerin u.a. von Claire Waldoff, Renée Sintenis, Hedwig Heyl und Louise Schroeder, Mitglied der Berliner Freien Sezession, ihre Kunst von den Nazis als „entartet“ verfemt, hatte für Ursula eine besondere Bedeutung. Dass sie nun zusammen mit Augusta von Zitzewitz und deren Tochter, Ilse-Maria Römer, eine Ruhegemeinschaft bildet, ist ein tröstender Gedanke. (Grablage: II-W 12-300)

Sabine Hark für das FFBIZ