Nachruf auf Prof. Dr. Ursula Nienhaus (21.12.1946-17.4.2020)

(Foto: FFBIZ-Archiv)


Unser tief empfundenes Beileid gilt ihren Angehörigen, Freund*innen und Weggefährt*innen.

Als Mitgründerin und langjährige Leiterin des FFBIZ Archivs baute sie eine der größten Sammlungen zur Frauenbewegung seit Anfangder 1970er Jahre auf. Dabei verlor sie nie ihre Leidenschaft für die Wissenschaft aus den Augen. Ihr umfangreiches historisches Wissen an Studierende zu vermitteln, war ihr immer ein großes Anliegen. Deshalb hielt sie, neben ihrer Tätigkeit als Privatdozentin für Neue Geschichte an der Universität Hannover, Seminare und Vorträge an den Berliner Hochschulen und begeisterte überall Studierende für die Arbeit mit historischen Quellen im Archiv.

Nach ihrem Rückzug aus dem Berufsleben im Jahr 2011 stand sie dem FFBIZ als Vorstandsfrau und später als Vereinsmitglied immer mit Rat und Tat zur Seite. Wir danken ihr für ihr unermüdliches feministisches Engagement. Das Team des FFBIZ-Archivs

 

Nachruf

Ursula Nienhaus

*21.12.1946, Haldern/Rees     † 17.4.2020, Berlin

Wir verlieren mit Ursula Nienhaus eine leidenschaftliche feministische Kämpferin.

Ursula Nienhaus wurde am 21. Dezember 1946 in Haldern/Rees als Tochter eines Arbeiters und einer Landarbeiterin und Hausfrau geboren. Nach dem Besuch der Volksschule wechselte sie trotz Widerstreben ihrer Eltern auf das Gymnasium einer Klosterschule in Aspel/Haldern, wo Nonnen sie auf ihrem Bildungsweg förderten. In den Ferien arbeitete die junge Frau in einer Fabrik, um ihre Eltern finanziell zu unterstützen.

Nach dem Abitur studierte Ursula mit einem Stipendium des Cusanuswerks Deutsch, Geschichte, Pädagogik und Philosophie in Köln, Bonn und Tübingen. In Tübingen kam sie mit der aufkeimenden Studentenbewegung in Kontakt und trat dort dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund bei. Dort lernte sie zudem die Bibliothekarin Helga Lüdtke und ihren Ehemann, den Historiker Alf Lüdtke (1943-2019) kennen, mit denen sie lebenslang befreundet bleiben sollte. Die Begegnung mit dem Ehepaar Lüdtke und etwas Zufall brachten Ursula an das Osteuropa-Institut der Uni Tübingen, wo sie ihr Interesse an russischer Geschichte entdeckte. Mit einer Arbeit über Michael Bakunin schloss sie 1972 ihr erstes Staatsexamen ab.

Ab 1972 studierte Ursula ein Jahr lang mit einem Stipendium an der Stanford University in Kalifornien. Wie prägend diese Zeit war, hat sie auch viele Jahre später gern erzählt, etwa in einem Oral History Interview, das wir 2014 mit ihr geführt haben. Neben der Studierendenbewegung erinnerte sie die US-amerikanische Bürgerrechtsbewegung besonders eindrücklich. Nach ihrer Rückkehr begann Ursula in Tübingen ein Aufbaustudium in Russisch und Soziologie. 1976 schloss sie dieses mit ihrer Dissertation „Revolution und Bürokratie, Staatsverwaltung und Staatskontrolle in Sowjetrussland 1917–1924“ ab.

Nach ihrer Promotion zog Ursula nach Berlin, um eine Stelle an der TU Berlin anzutreten. Bis 1979 arbeitete sie dort als wissenschaftliche Assistentin am Fachbereich 1, Fachgebiet Neuere Geschichte. In derselben Zeit knüpfte sie erste Kontakte zur Frauenbewegung. Sie besuchte 1976 die erste Frauensommeruniversität in Berlin, nahm ein Jahr später an der ersten Berliner Konferenz der traditionellen Frauenverbände und autonomen Frauengruppen teil und engagierte sich im Frauenzentrum in der Hornstraße in Berlin-Kreuzberg. Eine der Gruppen, die Ursula in der Zeit mitgründete, beschäftigte sich mit der Analyse bezahlter und unbezahlter Arbeit von Frauen. 1978 gründete Ursula zusammen mit Barbara Duden, Gisela Bock, Claudia Bernadoni und vielen anderen Frauen das Frauenforschungs-, -bildungs-, und -informationszentrum (FFBIZ). Bereits ein Jahr später verfügte das Zentrum über eigene Räumlichkeiten.

Im FFBIZ war Ursula bis zu ihrem Renteneintritt als wissenschaftliche Mitarbeiterin, ab 1995 als Archivleiterin mit wissenschaftlicher Frauenforschung, Bildungsveranstaltungen und der Archivierung von Sammlungen und Nachlässen beschäftigt. Zusammen mit ihren Mitstreiterinnen, darunter Hilde Radusch, Sabine Spiesmacher, Ilse Wolter, Barbara Martin, Irene Stoehr, Gisela Vollradt, Brigitte Pittelkau, Ingrid Stuchlik, Gabriele Wohlauf und vielen anderen baute sie die umfangreichste Sammlung zur Neuen Frauenbewegung seit Anfang der 1970er Jahre auf. Bewegungsgeschichte ist auch immer Konfliktgeschichte. Ursula scheute keine fachliche Auseinandersetzung und keine Diskussion – auch nicht mit ihren Mitstreiterinnen. So gab es in über 40 Jahren auch im FFBIZ viele, mitunter heftige Auseinandersetzungen und persönliche Brüche. Dass Ursula heute von zahllosen Zeitgenossinnen teilweise kritisch, aber immer mit größtem Respekt erinnert wird, spricht für sich.

Auch neben ihrer Arbeit im FFBIZ war Ursula der Erwachsenenbildung und der Geschichtswissenschaft verschrieben. Sie unterrichtete von 1982 bis 1983 Gesellschaftslehre und Deutsch an der Schule für Erwachsenenbildung (SfE) im Berliner Mehringhof. Von 1986 bis 1987 beschäftigte sie sich als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Landesarchiv Berlin mit der Erschließung von Nachlässen. Von 1987 bis 1998 arbeitete sie als Wissenschaftlerin an der TU Berlin im Forschungsprojekt „Frauen und Wohlfahrtsstaat“. Es folgten Gastprofessuren, etwa an der FU Berlin, der Universität Innsbruck und der Humboldt-Universität Berlin. Ab 1994 lehrte sie als Privatdozentin für neue Geschichte/ Gender Studies am Historischen Seminar der Universität Hannover. Parallel dazu veröffentlichte Ursula Bücher und zahlreiche Schriften zu ihren zentralen Themen, der Geschichte der Sowjetunion und der Geschichte der Frauenerwerbsarbeit bei der Deutschen Post und der Polizei. 1994 erschien Ursulas Habilitationsschrift „Vater Staat und seine Gehilfinnen: Die Deutsche Post im Spannungsfeld von Sozialpolitik und Betriebskalkül. Eine Fallstudie am Beispiel weiblicher Beschäftigten 1864-1945“. Eine ordentliche Berufung als Professorin war ihr nicht vergönnt. War Ursula für die deutsche Geschichtswissenschaft vielleicht zu feministisch, zu unorthodox, zu widerspenstig? Im Jahr 2000 verlieh die Universität Hannover ihr immerhin den Titel als außerplanmäßige Professorin.

Auch Ursulas ehrenamtliche Tätigkeiten gingen weit über viele unbezahlte Stunden für das FFBIZ hinaus. 1994 gehörte sie zu den Mitgründerinnen des SI-Club Berlin-Mitte Soroptimist International Deutschland, einem Verein berufstätiger Frauen mit gesellschaftspolitischem Engagement.

Mit ihrer Berentung im Jahr 2011 übergab Ursula die Projektleitung des FFBIZ an Roman Klarfeld. Sie blieb dem Verein aber als Vorstandsfrau und später als Vereinsmitglied verbunden.

Ursulas Leidenschaft galt der Wissensvermittlung. Ob Studierende in ihren Seminaren, Archivnutzer*innen oder Praktikant*innen, sie versuchte sie alle für historische Forschung, insbesondere die Frauenforschung und Archivrecherche zu begeistern. 2014 ehrte die Senatorin für Arbeit, Integration und Frauen, Dilek Kalayci, Ursula Nienhaus mit dem Verdienstkreuz am Bande für ihr jahrzehntelanges Engagement in der Frauenforschung und ihre Arbeit im FFBIZ.

Ursula Nienhaus verstarb am 17. April 2020 in Berlin.

Wir vermissen ihre Energie und ihren kritischen Geist. 

Für den Vorstand und das Team: Prof. Dr. Sabine Hark, Francesca Schmidt, Dagmar Nöldge, Roman Klarfeld, Friederike Mehl (April 2020)

 

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Beiträge von Weggefährt*innen und Freund*innen

 

Ursula Nienhaus

(21.12.1946 - 17.4. 2020)

Erinnern und Erinnerungen

Ursula Nienhaus hatte seit ihrem Abitur bereits viele Orte bewohnt, Ausbildungsetappen zurückgelegt, Freundschaften geschlossen, bevor sie gleich nach ihrer Promotion am Tübinger Osteuropa-Institut, auf Wunsch von Reinhard Rürup 1976 als Wissenschaftliche Assistentin an das Institut für Geschichtswissenschaft der TU Berlin kam. Dort lernte ich sie kennen, als ich im März 1978 ebenfalls dort anlandete als neu gekürte und in dieser Position noch unsichere Professorin. Ich war sehr froh, dass es im Institut diese kluge Historikerin gab. Sie sprühte vor Energie, sie war umtriebig, hellwach, interessiert, aktiv, fordernd, kritisch. Manchmal beneidete ich sie, dass sie - anders als ich mit Familie - frei über ihre Zeit verfügen konnte.  Diese gute Zeit des beruflichen Miteinander fand ein abruptes Ende. Sie ließ die nach drei Jahren mögliche Verlängerung ihres Arbeitsvertrages um weitere zwei Jahre stillschweigend verstreichen und verabschiedet sich von der Universität.

Von nun an widmete sich Ursula Nienhaus mit allen ihren Fähigkeiten und zäher Ausdauer der autonomen Frauenbewegung und insbesondere dem 1978 gegründeten FFBIZ, während ich als professorale Institutionenfrau versuchte, historische Frauenforschung als wissenschaftliche Innovation zu fördern und den Anspruch von Wissenschaftlerinnen auf gleichberechtigte Berufschancen in Wissenschaften und Universitäten zu stärken. Unsere Berufswege trennten sich 1978, aber unsere wechselseitige Wertschätzung blieb ebenso erhalten wie unser Kontakt und Austausch von Informationen, Ideen, Wünschen. Wenn es die knappe Zeit zuließ, besuchte Ursula Nienhaus weiter unsere TU-Forschungscolloquien, und ich besuchte und unterstützte mit Vergnügen das wachsende, Krisen überlebende FFBIZ. Zusammen mit vielen Frauen widmeten wir uns in den 1980er Jahren dem allmählich entwickelten und schließlich mit Erfolg etablierten Vorhaben, das vom Berliner Senat finanzierte und von 1988 bis 1999 segensreiche Förderprogramm Frauenforschung einzurichten. Mit dessen Organisation und Förderpraxis gelang ein Brückenschlag zwischen autonomen Bewegungen und staatlichen Institutionen, und insofern war es wichtig, dass von 1988 bis 1991 auch Ursula Nienhaus zu den ehrenamtlichen Mitgliedern der Förderkommission gehörte, in der wir zusammen über die Auswahl der zu fördernden Anträge entschieden.

Ursula Nienhaus ging mit uneingeschränkter Einsatzbereitschaft und Verlässlichkeit zu Werke, wann und wo immer es etwas frauenbewegt Wichtiges zu tun gab. Die Voraussetzung dafür waren ihre geringen Ansprüche für den eigenen Lebensunterhalt. In einem von Gabriele Goettle geführten, 2004 in der taz veröffentlichten Interview sagte Ursula Nienhaus über die anfängliche Finanzierung des FFBIZ: „die Frauen haben ihr eigenes Geld reingegeben, auch ich, es gab Jahre, wo ich bis auf Miete und Nahrung alles Geld, was ich verdiente habe, hergab, um das FFBIZ zu retten… Frauen wie ich, die viel und ohne ökonomische Rücksichtnahme sozusagen gearbeitet haben, dürfen sich auf ein paar hundert Euro Rentenanspruch einstellen.“ Für ihren Gelderwerb arbeitete sie 1982 und 1983 als Lehrerin in der 1973 gegründeten autonomen Schule für Erwachsenenbildung, dann im Landesarchiv Berlin, später in einem Forschungsprojekt, bevor sie 1991 die gering bezahlte FFBIZ-Stelle übernahm. Ihre partielle Rückkehr an die Universität eröffnete ihr neue Möglichkeiten. 1993 wurde sie an der Universität Hannover habilitiert mit ihrer Studie über weibliche Angestellte bei der Reichspost, die 1995 als Buch erschien. Als Privatdozentin war sie zwar verpflichtet, ohne Entgelt und Kostenerstattung in Hannover zu lehren, aber mit der Habilitation und später als apl. Professorin wurde sie nun häufiger von Universitäten eingeladen zu Vorträgen und Gastprofessuren, was ihr außer Geld auch das Vergnügen einbrachte, als Lehrende ihr Wissen weiterzugeben.

Sehr anspruchsvoll war Ursula Nienhaus, wenn es um Wissenschaft und um sie als Historikerin ging. Das gilt für ihr Sammeln und Archivieren der FFBIZ Bestände zur Frauenbewegung ebenso wie für ihre eigenen Forschungen und Veröffentlichungen. Publizierte Schnellschüsse, inhaltsleeres Geschwätz, Vielfachverwertungen sind für sie tabu. Bei ihrer andauernd präsenten Bewegtheit in den Varianten feministischer Bewegungen des In- und Auslandes ist es für mich ein Wunder, sie zugleich mit ihren Aufsätzen und sechs Büchern als äußerst konzentriert arbeitende Historikerin zu sehen. Vielleicht war es für die rastlos und vielseitig Engagierte eine Erholung, von Zeit zu Zeit den verflossenen Geschichten der Vergangenheit konzentrierte Aufmerksamkeit zuzuwenden. Sie selbst lernte aus der Geschichte und es war ihr ein Anliegen und entsprach ihrem missionarischen Eifer, das Erforschte und Gelernte zu veröffentlichen und mitzuteilen. Ihr großes Thema ist die Geschichte der Frauenarbeit im 19./20. Jahrhundert und hier wiederum speziell die Geschichte der weiblichen Angestellten nicht nur als Berufsgruppe, sondern auch mit ihren unterschiedlichen Arbeitsorten und Arbeitgebern in den Büros, bei der deutschen Post und bei der Polizei. Sie wagt sich heran an die unerreichbare „histoire totale“, um möglichst viele Kontexte des Arbeitens auszuleuchten, mit denen Frauen als Angestellte je einzeln und als Berufsgruppe aktiv und passiv zu tun hatten. Sie fügt gerne Vergleiche mit jeweils früheren und späteren Entwicklungen, mit anderen Ländern oder Berufsfeldern ein, sie schärft die Aufmerksamkeit für Besonderes und Allgemeines, verweist auf Verbindungen zur Gegenwart und urteilt scharfsinnig. Vor allem aber gelingt es ihr, die forschend aufgerufene Komplexität der Verhältnisse und des Handelns in ihren Veröffentlichungen so übersichtlich zu ordnen, dass ihre Texte für Lesende nachvollziehbar sind.

Es ist gut, häufiger an Ursula Nienhaus zu denken.

Karin Hausen

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Ursula Nienhaus hat als Historikerin nicht nur zu Geschichtsthemen geforscht und gearbeitet, sondern sie hat in der Institution FFBIZ gemeinsam mit Kolleginnen in der Praxis Geschichte gemacht und durch das Archiv ein Gefäß für die Geschichte der Frauenbewegung geschaffen. Als viele von uns, sowohl die Idealistinnen der ersten Stunde als auch die Mitarbeiterinnen in den bescheidenen Blütenjahren danach das FFBIZ vielleicht noch aus der Distanz mit Wohlwollen und Spenden unterstützten, hat sie mit großem Engagement für das Überleben des FFBIZ und der wertvollen Bibliothek gesorgt. Sie war nie eine Halbherzige, sie war eine Kämpferin, voller Elan, Sachkunde und Optimismus, die nicht aufgab und am Ende eigentlich immer gewann.

Claudia Bernardoni

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Ursel lernte ich im historischen Seminar der Technischen Universität Berlin kennen, wo sie am Lehrstuhl von Reinhard Rührup und Karin Hausen oft anzutreffen war. Karin Hausen war damals die bekannteste Professorin in der deutschen Hochschullandschaft, die zu Frauenthemen forschte. Das hatte sich bis in die USA herumgesprochen, von wo ich damals angereist kam. Es war das Jahr 1989 und ich war drei Monate vor Öffnung der Mauer in Berlin eingetroffen, um die Archivarbeiten für meine Promotion zu beginnen. Schnell fand ich eine neue Heimat im historischen Seminar der TU. Ursel konnte man dort weder übersehen noch überhören. Wenn sie in Erscheinung trat, hatte sie meistens was zu sagen. Sie war dominant im Auftreten und immer für eine Auseinandersetzung gut - gerne auch mit den Professoren. Es dauerte eine Weile, bis ich die Person hinter diesem kämpferischen Habitus etwas näher kennenlernte. Damals war sie bereits promoviert. Dabei fiel mir auf, dass ihr Umgang mit Karin Hausen anders war, als der von uns Doktoranden. Vertrauter. Zugleich vermittelte sich mir das Bild einer unendlich fleißigen Akademikerin. Ursel war ein Workaholic. Ungewöhnlich war dies eigentlich nur, weil sie das mit einem Engagement für die Frauenbewegung kombinierte. Die Gründung des FFBIZ Archivs war für sie der Weg, einerseits zu forschen und sich andererseits feministisch zu engagieren.

Karin Hausen war damals sehr darum bemüht, die Frauengeschichte in der historischen Zunft zu etablieren. Doch die männlichen Historiker wehrten sich massiv dagegen mit dem Argument, als engagierte Feministinnen wären wir Historikerinnen befangen und deshalb nicht mehr in der Lage, unserem Forschungsobjekt objektiv gegenüber zu treten. Karin grenzte sich u.a. deshalb von der Frauenbewegung deutlich ab. Da für mich die Arbeit am Thema Frauen und gender aber ebenfalls eine Fortsetzung meines frühen feministischen Engagements war, und damit eine Form von Praxis, verstand ich Karin zwar, habe ihre Haltung aber immer bedauert. Hintertüren, Brücken, Kompromisse schien es da nicht zu geben. Zu stark waren die Anfeindungen. Ursel hatte aber im FFBIZ diese Brücke für sich gefunden. 

Das Band, dass ich zwischen Ursel Nienhaus und Karin Hausen spürte, setzte sich im FFBIZ fort. Karin Hausen hat sich lange für das Archiv engagiert und so die Gründung, wie die ebenso mühsamen Jahre des Aufbaus, mitgeprägt. Zwischen den beiden Frauen nahm ich mit der Zeit wachsende Verbundenheit wahr. Ursel musste man einfach respektieren. Dieser enorme Fleiß, diese Einstellung von Ich mach‘ keine halben Sachen, der Wille oder die Manie immer alles verbessern zu müssen, haben sie bis zuletzt ausgezeichnet. Dabei war sie zeitlebens eine unbequeme Person, die anderen, aber auch sich selbst, das Leben nicht einfach machte. Heute bin ich wieder Mitglied im FFBIZ, weil Ursel mich irgendwann einmal persönlich ansprach und mich wieder zurückgeholt hat. Da war das Archiv bereits in der Eldenaer Straße. Der enormen Durchsetzungskraft von Ursel Nienhaus, zusammen mit dem Team des frühen FFBIZ, ist dieses bleibende Vermächtnis in Form eines feministischen Archivs gelungen, über dessen Existenz ich heute sehr froh bin. Damals jedoch, schien mir Ursels Versuch zwei anspruchsvolle Dinge gleichzeitig zu machen, wie ein Kamikaze-Unternehmen. Neben der Habilitation noch ein Archiv aufzubauen schien mir angesichts der Schwierigkeiten als Frau in Deutschland überhaupt auf eine Professur zu kommen, überaus optimistisch. Aber Zweifel daran hat sie zumindest mir gegenüber nie durchblicken lassen. Ich sehe sie noch vor mir, wie sie an einem tristen Berliner Winternachmittag in dem dunklen Archivraum in der Danckelmannstraße in Charlottenburg an ihrem Schreibtisch saß, alleine, eingehüllt in das Licht einer winzigen Leselampe. Der Lichtkegel am Ende eines langen Raumes signalisierte tiefste, konzentrierte Arbeit. Und ist mir als ein Bild in Erinnerung geblieben, dass zugleich die Atmosphäre von Einsamkeit und Freiheit wissenschaftlichen Arbeitens offenbart.

Anja Baumhoff

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Anfang der 1970er Jahre habe ich Ula durch Alf Lüdtke kennengelernt. In diesen politisch turbulenten Zeiten an der Universität Tübingen gehörte sie zu einer studentischen Gruppe, die Seminare am Institut für osteuropäische Geschichte selbst organisierte. Damals war ich von ihrer Hingabe an die jeweilige Sache fasziniert, bewunderte ihr enormes Wissen, ihre Redegewandtheit, auch ihre Unbedingtheit, die sie nie verlieren würde. Sie wurde zu einer engen, vertrauten Freundin der Familie. 

Später, in Berlin, verfolgte ich, aus der Göttinger Ferne, manchmal auch vor Ort, ihre jeweiligen Projekte, die sie ins Leben rief oder an denen sie maßgeblich beteiligt war: Sommer-Universität, feministische Stadtrundgänge, die Gründung des ffbiz. Vor allem das ffbiz interessierte mich, – aus feministischer, aber auch aus der Sicht der Bibliothekarin. Ohne Ulas fortwährendes Interesse, ihre Unterstützung und Expertise würde es das Buch über die Geschichte der Frauenarbeit in Bibliotheken nicht geben (Leidenschaft und Bildung. 1992). Als externes ffbiz-Mitglied, zeitweise auch als Vorstandsfrau habe ich Ulas permanente Kämpfe um Anerkennung, Finanzierung und Überleben des ffbiz, ihre eigene physische und psychische Verausgabung und schließlich fortwährende finanzielle Selbstausbeutung miterlebt, ohne sie davon auch nur ein wenig befreien zu können. Das war nicht leicht auszuhalten, auch für manche andere Mitstreiterin nicht.

Ich werde sie als zugewandte Freundin, mit ihrer zarten wie auch beharrlichen Seite, und als innovative Historikerin in Erinnerung behalten.

Helga Lüdtke 

Göttingen 24. April 2020

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Ursula zum Abschied

Was hab ich mich mit dieser Frau gestritten. Das konnte sie gut: streiten um die richtige Strategie, die richtige Formulierung, den richtigen Weg im vielfältigen feministischen Alltag. Aber es ging ja schließlich auch um was, es galt die Geschichte der Frauenbewegung, unsere Geschichte, zu sichern, in unseren eigenen Archiven. Es ging um die Versuche, diese vielen unterschiedlichen Frauenarchive immer wieder in einen irgendwie gearteten Einklang zu bringen, letztlich gar in einen Dachverband. Einiges ist gelungen, ja, doch, mit Leidenschaft und Ausdauer haben wir manches in Bewegung und auf den Weg gebracht.

Und nun ist sie gegangen, als eine der ersten aus dieser Runde. Wenn es einen Himmel gäbe, einen feministischen gar – tröstlich wäre der Gedanke, wie sie den gerade aufmischt! Bye bye, Ursula.

Conny Wenzel (April, 2020)

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Dass ich mehr mit ihr teilte als die Affinität zum Charlottenburger Kiez, in dem das FFBIZ bis in die Mitte der 1990er Jahre residierte, anfangs just in dem Haus, in dem ich wohnte, in der Danckelmannstr. 15 im Erdgeschoss eines dieser abgeranzten Häuser mit Außenklo und Ofenheizung, lernte ich erst vor kurzem. Mit den Lehrerinnen in ihrer Klosterschule habe sie "Glück" gehabt, erzählt sie in dem großartigen Gespräch, das Gabriele Goettle 2004 für die TAZ aufgezeichnet hat. "Die Nonnen waren Töchter vom Hl. Kreuz, einer belgischen Kongregation, 19. Jahrhundert, erste Frauenbewegung quasi, sie haben mich wahnsinnig gefördert." Die Ausbildung und Förderung der Jüngeren blieb ihr ein wichtiges Anliegen und lernen konnte eine viel von ihr: Von der Grande Dame der historischen Frauenforschung, die aus dem Nichts eines der wichtigsten feministischen Archive aufbaute, die schon von "class" sprach, als alle nur Frauen sahen, die "Staatsknete" für ihre Arbeit verlangte, als andere das noch für korrupt hielten, eine, die sich aber auch nicht davon abhalten ließ, zu tun, was sie für wichtig hielt, wenn der Senat die Mittel kürzte und die es schaffte, das FFBIZ über den Untergang der Bewegung, deren Kind es war, zu retten und erfolgreich an die nächste Generation zu übergeben. Chapeau!

Birgit Bosold  April 2020

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Erinnerungen an Ursula Nienhaus

Zuletzt habe ich Ursula im Grünen Archiv getroffen. Mit sehr zwiespältigen Empfindungen hatte ich mich dort mit ihr verabredet. Es ging um die sichere Aufbewahrung des umfangreichen Bestands an Akten und Unterlagen des 1. Autonomen Frauenhauses Berlin, einem der wichtigsten Projekte der Neuen Frauenbewegung. Ich hatte mir vorgestellt, diesen Nachlass, der seit der Gründung der Initiative 1974 bis zur konfliktreichen Auflösung des Hauses 2000 zusammen gekommen war, ins FFBIZ in die Danckelmannstraße zu bringen und bedauerte es, dass die Übergabe nun an einem mir bisher unbekannten Ort stattfinden musste. Ursula sah die Veränderung positiv, pragmatisch, ihr war es wichtig, die Archivierung und Erschließung unserer Geschichte dort unter verbesserten Bedingungen gewährleisten zu können.

Wir begannen dann über Aktivitäten und Kontroversen zu reden, die unsere gemeinsame Arbeit seit den 70er Jahre geprägt haben. Spätestens mit der 1. Sommeruniversität für Frauen 1976 hatten die Forderungen der Frauenbewegung den Wissenschaftsbetrieb erreicht. Die Etablierung von feministischen Frauen- und Geschlechterstudien stand auf der Tagesordnung. Ursula gehörte zu den Frauen, die 1978 das „Forschungs-, bildungs- und –Informationszentrum Berlin (FFBIZ)“ gründeten. Im gleichen Jahr beschloss das Kuratorium der FU, die Einrichtung eines Studien- und Forschungsschwerpunktes zu Frauenfragen zu prüfen. Ursula vertrat die Auffassung der Frauen, die sich entschieden für eine außeruniversitäre, autonome Einrichtung und gegen die Institutionalisierung eines Zentrums an der FU einsetzten. Die Ablehnung wurde damit begründet, dass eine von staats- und parteipolitischen Interessen kontrollierte Integration in den Hochschulbetrieb zu einer Verfälschung der Ziele und Inhalte feministischer Wissenschaft führen würde; es käme zu einer Spaltung zwischen der universitären und außeruniversitären Frauenbewegung; über die Finanzierung und Stellenbesetzungen würden Lehre und Forschung gelenkt, Frauen zu Objekten der Forschung von ‚Karrierefrauen‘; den außeruniversitären Zentren mit ihren alternativen und radikalen Forschungsansätzen würden Fördermittel vorenthalten zugunsten der universitär institutionalisierten Zentren, zu denen Frauen ohne akademischen Bildungsweg der Zugang weiterhin verschlossen bliebe.

Nachdem 1981 an der FU die „Zentraleinrichtung zur Förderung von Frauenstudien und Frauenforschung (ZE)“ als Dienstleistungseinrichtung etabliert worden war (in der ich ein Jahr später zu arbeiten begann), zeigte sich, dass deren Konzeption und Aufgaben keineswegs der Institution entsprachen, die während der Planungsphase so heftigen Widerstand provoziert hatte.

Zwischen dem FFBIZ und der ZE entstanden allmählich konstruktive Kooperationsbeziehungen. Wir organisierten ein erstes Treffen von Frauenbibliotheken und –archiven. Ursula beteiligte sich als Koordinatorin und Referentin an Kolloquien in der FU.

Dass die Entwicklung von Strategien und Programmen gegen die strukturelle Ausgrenzung von Frauen im Wissenschaftsbetrieb und in der Forschungsfinanzierung zu einem Schwerpunkt  gemeinsamer  Arbeit wurde, ist konsequent und notwendig gewesen und trug zur bundesweite Vernetzung  mit anderen Initiativen bei.

Im Zentrum der Treffen des „AK wissenschaftlich und künstlerisch tätiger Frauen Berlin (West)“, in dem wir uns beide engagierten, standen die Bedingungen und Chancen der politischen Durchsetzung innovativer Fördermodelle, die die Finanzierung der Frauenforschung möglichst unabhängig von wechselnden Interessen politischer Einflussnahme ermöglichten sollte. Die Sitzungen des AK im FFBIZ - das waren inspirierende, aber auch anstrengende Arbeitstreffen einer Gruppe von eigenwilligen Feministinnen mit ganz unterschiedlichen biografischen Erfahrungen, Berufen, Kompetenzen und Lebensbedingungen. Die Vielfalt der Perspektiven und Herausforderungen erweiterte sich im Winter 1989, als sich bereits wenige Wochen nach dem Mauerfall auch Kolleginnen aus Ostberlin dem AK anschlossen. Ich erinnere mich gut an den Optimismus und die Entschlossenheit, die uns antrieben die anstehende Neuordnung des Hochschulwesens in Berlin für eine Neuordnung der Verhältnisse im Sinne frauenpolitischer Interessen zu nutzen. In Erinnerung geblieben ist mir aber auch, dass die Verständigung über den richtigen Weg oft nervenaufreibend war, vor allem wenn Ursula die Vorschläge anderer mit abschreckend scharfer Kritik kommentierte und die eigenen Positionen mit ungeduldiger Rigorosität vertrat.

Ich bin sehr froh, dass wir bei unserer letzten Begegnung mit großer Gelassenheit über die gemeinsamen Aktivitäten und Konflikte sprechen konnten.

Wenn ich an Ursula denke, sehe ich eine streitbare, feministische  Wissenschaftlerin und eine passionierte Sammlerin und Archivarin vor mir, der die Frauenbewegung sehr viel verdankt.

 

Johanna Kootz

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Im ehrenden Gedenken an Prof. Ursula Nienhaus:

Danke für

*            ihren vielfältigen, erfolgreichen Einsatz für viele Berliner Frauenprojekte, 

*            ihre Aktivitäten für so viele Berlinerinnen, die im FFBIZ und in anderen Fraueninitiativen Selbstvertrauen und Stärke für einen unabhängigen Lebensweg gefunden haben. 

 

Carola v. Braun, Senatsfrauenbeauftragte 1984-1990

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 Ein paar Erinnerungen an Ursula Nienhaus

Als wir 1985 das Archiv für alternatives Schrifttum (afas) gegründet haben, gehörte das FFBIZ bereits zu den bedeutenden, unabhängigen Archiven und war zu der Zeit bereits eines der maßgeblichen Frauenarchive in Deutschland. Irgendwann wurde der Kontakt zwischen afas und FFBIZ selbstverständlich, denn Ursula ging es immer auch um die Vernetzung aller Freien Archive. Als eine der wenigen Frauen aus der Frauenarchiv-Szene hat sie schon sehr früh und mehrfach das afas besucht und mit uns gefachsimpelt  -  und irgendwann, als ihr Vertrauen in unsere Arbeit groß genug war, durften wir uns aus dem Dublettenfundus des FFBIZ, das damals noch in der schönen Charlottenburger Danckelmannstraße ansässig war, bedienen.

Sie gehörte 2002 zum Vorbereitungskreis des ersten Workshops der Archive von unten, der im Februar 2003 im Archiv Grünes Gedächtnis stattfand, auch hier als vorerst erste Vertreterin der Frauenarchive. Und natürlich arbeitete sie auch in dem Team mit, das die vom Workshop beschlossene „Praktische Handreichung für Bewegungsarchive“ verfasst hat (die Handreichung ist 2004 erschienen und bis heute, zum Beispiel auf der Seite des FFBIZ, aufrufbar).

Als 2007 erstmals auf dem Deutschen Archivtag eine Sektion zu Situation und Bedeutung Freier Archive stattfand, stellte sich heraus, dass Ursula längst Mitglied im Verband deutscher Archivarinnen und Archivare (VdA) war und regelmäßig an den Archivtagen teilnahm. Sie hat es sehr begrüßt, dass die Freien Archive sich dort endlich einbringen konnten, denn viel früher als viele von uns hat sie erkannt, wie wichtig die Gegenüberlieferungen der Freien Archive in der deutschen Archivlandschaft sind  -  und wie wichtig es ist, um die Anerkennung dieser Arbeit zu kämpfen.

Ursula hat mit großem Engagement auf vielen Hochzeiten getanzt und keine Konflikte gescheut. Sie hat es einem dabei manchmal nicht leicht gemacht, auch mal gehörig genervt, aber es war immer klar, dass wir an einer gemeinsamen Sache streiten.

Irgendwann signalisierte sie, dass sie die Leitung des FFBIZ in jüngere Hände legen wollte, doch als es soweit war, mussten wir überrascht feststellen, wie selbstverständlich ihr dieser Schritt zu sein schien. Doch ob er ihr leicht gefallen ist… Vermutlich hat sie im Laufe ihres Lebens so viel Energie in die Archivarbeit mit all ihren Herausforderungen, nicht zuletzt den permanenten Kampf ums finanzielle Überleben, gesteckt, dass sie am Ende froh war, diese Last auf andere Schultern legen zu können.

Leider blieb ihr nicht mehr viel Zeit für das Leben danach. Mit dem FFBIZ hat sie ein Erbe hinterlassen, an dem sich sicherlich noch viele Generationen erfreuen werden. Ich bin froh, sie gekannt zu haben, mit ihr arbeiten und (konstruktiv) streiten zu können.

Jürgen Bacia

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Wir trauern um Ursula Nienhaus

Wir müssen Abschied nehmen von einer Mitstreiterin: Ursula Nienhaus, Mitgründerin und lange Zeit „das Gesicht“ des FFBIZ in Berlin, ist am 17. April gestorben.

Bei der Vernetzung der Frauenarchive und beim Aufbau des ida-Dachverbandes war sie fast vier Jahrzehnte unsere Weggefährtin und nicht selten Initiatorin und Taktgeberin. Mit großem Engagement und mit dem gelegentlich auch dazugehörenden Streit über den richtigen Weg arbeiteten wir immer demselben Ziel zu: die Geschichte der Frauenbewegung(en) vor dem Vergessen zu bewahren. Ursula ist Teil dieser Geschichte, sie hat sie ganz wesentlich mit geprägt. Ihre Phantasie, ihre fordernde Stimme, ihre kritischen Einwürfe und ihr herzhaftes Lachen werden uns fehlen. Aber auch sie wird nicht in Vergessenheit geraten!

Gilla Dölle, Barbara Günther, Silke Mehrwald, Laura Schibbe und Kerstin Wolff für das Archiv der deutschen Frauenbewegung, Kassel

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Nur mit ihr – Ursula Nienhaus -  konnte ich meinen Bildungsweg so gehen!!!

Der plötzliche Tod von Ursula Nienhaus hat mich tief getroffen. Ich habe ihr Vieles zu verdanken, denn sie hatte entscheidenden Einfluss auf meine Bildungsbiographie.

Nur mit ihrer Unterstützung konnte ich meinen Bildungsweg so selbstbewusst gehen. Ich bin sehr froh, sie gekannt zu haben und sehr traurig, dass sie gestorben ist.

Anfang der 80er Jahre habe ich Ursula an der Schule für Erwachsenenbildung (SFE), der selbstverwalteten Schule im Mehringhof, Berlin Kreuzberg, kennengelernt. Sie arbeitete dort als Lehrerin (Geschichte, Politische Weltkunde), ich wollte auf dem zweiten Bildungsweg meine Hochschulreife nachholen. Als wir Schülerinnen die erste Frauenklasse an der Schule erstritten, war uns die Unterstützung von Ursula gewiss. Sie war Lehrerin und Feministin mit größtem Engagement, vorbehaltlos, mit unermüdlichem Einsatz. Dank ihrer fordernden Beharrlichkeit gepaart mit freundlichem Beistand, konnte ich das Abitur bestehen. Durch sie motiviert, traute ich mir ein Studium zu.

Sie ermunterte uns Schülerinnen aus sog. „Bildungsfernen Schichten“, dass wir an uns glaubten, uns vertrauten, uns ein Studium an einer Universität, in der unsere Lebensrealität nicht vorkam, zutrauten.

Ursula war lange Zeit ein feministisches Vorbild für mich. Sie fragte nach „Stimmt das, was du glaubst? Forderte auf: Belege, was Du denkst!“  Sie lehrte mich das Dranbleiben und Durchhalten, die Bedeutung einer internationalen historischen Perspektive zur Beurteilung gesellschaftlicher Verhältnisse. Sie hatte eine unglaubliche Energie, die ansteckend wirkte.

Als Lehrerin an der SFE vermittelte sie uns Genauigkeit bei der Beschreibung und Interpretation von Dingen, die Titulierung z.B. von Arbeit, wenn doch Erwerbsarbeit gemeint war, ging bei ihr nicht durch; durch sie erfuhren wir von der Bedeutung und dem Ausmaß unentgeltlicher Arbeit; sie lehrte uns zu unterscheiden: Meinungen von Fakten, Theorien von Ideologien.

Ursula war eine radikale Feministin, die gleichzeitig auch sehr pragmatisch handelte. Von ihr habe ich gelernt: Eine gute Ausbildung und Bildung ist mit das wichtigste Fundament im Leben, leider kein Garant für Reichtum und Wohlstand, wie man an ihrem Lebensweg sehen kann.

Dennoch und trotzdem: Sie lehrte mich auch, dass es lohnenswert und möglich ist,  Autonomie und Selbstverwaltung in einem Frauenprojekt beruflich zu verwirklichen, was ihr mit dem FFBIZ, dem Frauenforschungs-, -bildungs-,  und -informationszentrum gelang.

Auch die Archivierung von Dokumenten der Frauen Projekte Arbeit lag ihr am Herzen. Wie froh war ich, als sie sich 1997, nachdem dem Arbeitskreis Autonomer Frauenprojekte die öffentlichen Gelder entzogen wurden, um den Nachlass des abzuwickelnden Vereins kümmerte.

Auch die Frauen- Projekte- Bewegung hat mit ihr eine große Wegbereiterin verloren.                                                                                      

Frei nach K. Marx war ihr daran gelegen, die Welt nicht nur zu interpretieren, sondern auch zu verändern.                                                                         

… sie mochte auch außergewöhnliche populäre Musik, wie Sadao Watanabe...

Gitta Müller, Schülerin der SFE, Schule für Erwachsenenbildung in den 1980er Jahren zuletzt, bis 2019 Mitarbeiterin bei ZUFF e.V. (Zufluchtswohnungen für Frauen)

Berlin, im Mai 2020

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To whom it may concern

Liebe Alle,

reden wir offen: 
Ursula Nienhaus war eine Nervensäge!
Und deswegen gehört es sich, sie um ihrer historischen Wichtigkeit wegen, für die auch kommende Geschichtsschreibung, 
ihr als Nervensäge -mit gutem Grund! -
einen gehörigen Tribut zu zollen.
 
Das widerspricht m.M. nach, nicht einer ohnehin falschen Pietät folgend, Menschen unter dem Diktat: Über die Toten nicht schlecht zu sprechen, sie ungehörig  harmonisierend zu verharmlosen, sondern sie ganz besonders  als politische Nervensäge zu ehren. 
Ursula Nienhaus musste eine Nervensäge  sein, um quasi aus dem Nichts, die Neue Frauenbewegung, die uns alle vorantrieb und die wir, je nach Dringlichkeit und Berufung weiter  betrieben haben, für die Zukunft  zu archivieren zu verstehen.
Sie erkannte früh die Bedeutung darauf zu achten, nicht wieder die Dokumente der Neuen Frauenbewegung in der  Nichtanerkennung verschwinden zu lassen, wie zuvor geschehen mit der ersten Frauenbewegung. Nicht wieder sollte die Frauenbewegung den Karikaturisten in den Schulbüchern überlassen werden.
Sie wußte als Historikerin um die Mühen, sich das Wissen und die Erkenntnisse der ersten Frauenbewegung in unbearbeiteten Nachlässen und und ungepflegten Archiven anzueignen. Sie war nicht die Einzige, das FFBIZ zu gründen aber sie blieb wohl die Beharrlichste und gegen alle Widrigkeiten, es nicht  wieder aufzugeben. 
Das bestätigen auch die von ihr Genervten. 
Die Neue Frauenbewegung, mit der wir nun alt geworden sind, war kein "safe space,“ mit * Sternchen, wie nun allenthalben eingefordert wird. Weder atmosphärisch noch inhaltlich unter uns, war es uns gegeben, nur harmonisch zu sein.
Auch Ursula Nienhaus schrieb zur Gründung der  Berliner FrauenfrAKTION im Mai 1987,  ein Zusammenschluss von unterschiedlichsten autonomen feministischen und traditionellen Frauenbewegungsinitiativen, keine freundlichen Worte, sondern eine mir bis heute unverständliche Ablehnung. Darüber haben wir uns in der Berliner FrauenfrAKTION lange geärgert.  Sie nahm uns gleich wichtiger als wir es zu Beginn waren. Aber dennoch haben wir niemals die Wichtigkeit des von Ursula Nienhaus mit betriebenen FFBIZ  in Frage gestellt  und ihre Leistung für die Historisierung  der Neuen Frauenbewegung anerkannt.
 
Sie blieb interessant, da immer fortbildend, auch als Stadtführerin der Berliner Frauenbewegung aktiv unterwegs.  Immerzu fragte sie uns Feministinnen, auch mich nach eigenen Dokumenten und Materialien. Auf ihren Wunsch hin, kam sie und ihre Mitarbeiterinnen mehrfach zu mir, um ungeordnete Ordner in ungeordneten Kisten abzuholen. Hand -und Kopfarbeit,  im wahrsten Sinne des Wortes. Wie gross die Berliner Frauenbewegung war, konnte man auch ihrem Fluch über die viel  zu vielen  gleichen Bücher  entnehmen, die ihr immerzu angeboten wurden. Bestseller einer weit um sich greifenden feministischen Bewegung. Sie selber trug als Autorin dazu bei, indem sie real inklusiv u.a., die besondere Geschichte der Frauen als Angestellte bei der deutschen Post und Polizei ‚ausgrub‘ und feministisch deutete. Die Klassen-und Schichten- Frage der Frauen im Berufsleben wurde niemals in der Auseinandersetzung darüber ausgeschlossen, sondern im Gegenteil  feministisch aufgeschlossen.
Später als das FFBIZ in den Räumen des GRÜNEN Archiv unterkam, wurde ich Nachbarin des FFBIZ in der Danckelmannstraße. Manchmal  begegnete ich ihr in der Charlottenburger Nachbarschaft, wo sie auch wohnte. Glücklich schien sie mir nicht über die Entwicklung  des FFBIZ zu sein, aber gezwungenermaßen zufrieden, dass ihre Arbeit für und um das FFBIZ nicht mit ihr verloren ging. Dass sie zum 40! des FFBIZ  2018  nicht  mehr eingeladen werden konnte, lag an ihrer 'Erkrankung der Abwesenheit', wie mir auf mein verwundertes und gezieltes Nachfragen erklärt wurde.
Aber dass sie dort kein einziges Mal als die! FFBIZ Frau für die vielen alten und jungen Besuchenden, die das  40 jährige Jubiläum feierten,  erwähnt und deswegen  gar nicht gefeiert werden konnte, empörte nicht nur mich. 
Auch in der Festschrift zum 40. des FFBIZ wurde sie nicht ein einziges Mal genannt oder als Gründerin bekannt gemacht.  
Es macht mich immer noch traurig für Ursula Nienhaus, denn ich denke, wenn ihr aus ihrem näheren Kreis über ihre Wertschätzung berichtet worden wäre, sie sich vielleicht doch noch erinnernd darüber hätte erfreuen können?
Das Verschwindenmachen von Ursula Nienhaus durch ihre Nachfolgenden im FFBIZ bleibt erklärungsbedürftig!
Und dass Ursula Nienhaus sich als  Feministin verstand, und das ohne* Sternchen, hätte in der Traueranzeige des FFBIZ insbesondere, respektiert werden müssen.
Ursula Nienhaus hätte sich ganz bestimmt nicht das Beileid von Freund*innen und Weggefährt*innen gewünscht, die sie feministisch noch einmal im Nachhinein erneut von ihrem feministischen Selbstverständnis entfremdeten.
Das kommt einer un-freundschaftlichen, gar feindlichen Übernahme in der Auseinandersetzung  über das feministische Vermächtnis  der Neuen Frauenbewegung im FFBIZ gleich.
Werte HistorikerInnen, bitte übernehmen Sie!
Ein URSULA NIENHAUS gerecht werdendes  Memorial ist für die feministische Geschichtsschreibung ist  dringend geboten.
Freundlichst
Halina Bendkowski (einst Sprecherin der Berliner FrauenfrAKTION)
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ursula war meine mentorin on 1982- 1987. ohne sie kein abitur, kein stipendium, kein studium in kalifornien,
ein völlig anderes leben. ohne sie auch keine permanenten Auseinandersetzungen im FFBIZ um politsche
Richtung und keine Emanzipation von Vorbildern.

wer Macht herausfordert muss Konsequenzen ertragen. Die Freiheit des Geistes hat ihren Preis.
Entweder Frau stürmte mit ihr oder man war im Weg. so sind Macherinnen mit allen Fürs und Wieder.
Ich bedaure sie in vielen Jahrzehnten nicht wieder getroffen zu haben.

d.kunz

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Irene Franken / Kölner Frauengeschichtsverein: https://www.frauengeschichtsverein.de/programm/frau-des-monats/mai/

Gisela Notz:  https://www.rosalux.de/news/id/42070/eine-pionierin-der-frauenbewegung-ist-von-uns-gegangen

Der i.d.a.-Vorstand: Sabine Balke Estremadoyro, Margit Hauser, Margarethe Kees: http://www.ida-dachverband.de/aktuelles/aktuell/article/ursula-nienhaus-1946-2020/

Interview

Im Rahmen der Zeitzeug*innen-Reihe "Berlin in Bewegung" führten die FFBIZ-Mitarbeiter*innen Roman Klarfeld und Friederike Mehl am 15.12.2014 das erste Interview mit Ursula Nienhaus

 

Schriftenverzeichnis (Auswahl)

 

Bücher:

Revolution und Bürokratie. Staatsverwaltung und Staatskontrolle in Sowjetrußland 1917 - 1924. Fischer, Frankfurt am Main 1980

Berufsstand: Weiblich. Die ersten Angestellten. Transit, Berlin 1982

Junker, Land und Leute. Landwirtschaft in Brandenburg, das Beispiel Britz. (Ausstellungskatalog und pädagogische Begleitmaterialien: „Von der deutschen Ostsiedlung bis zur modernen Industriegesellschaft). Heimatmuseum Neukölln (Hrsg.), Berlin 1986

Eine Frau mit feurigem Herzen, eine hervorragende Organisatorin. Else Kolshorn (1873-1962). FFBIZ, Berlin 1992

Vater Staat und seine Gehilfinnen. Die Politik mit der Frauenarbeit bei der Deutschen Post (1864-1945). Campus, Frankfurt am Main 1995

 „Nicht für eine Führungsposition geeignet …“: Josefine Erkens und die Anfänge weiblicher Polizei in Deutschland 1923 – 1933. Westfälisches Dampfboot, Münster 1999

Mitautorin und Mitherausgeberin von:

Weder brot noch rosen. Hausarbeit - Arbeitsmarkt - Frauenpolitik. Berlin 1979

Frauen gemeinsam sind stark. Die ersten 15 Jahre der Neuen Frauenbewegung. Berlin 1989 (Kommentierte Quellensammlung)

Frauen Begehren Selbstbestimmung - 120 Jahre Kampf dem § 218! Berlin 1991 (Kommentierte Quellensammlung)

Aufsätze u.a.:

Von Schreibmaschinen und Tippmädels. Wie der Technische Fortschritt die Frauen emanzipierte, in: Journal für Geschichte 2 (1980) 4, S. 22-26

Von Töchtern und Schwestern. Zur vergessenen Geschichte der weiblichen Angestellten im deutschen Kaiserreich, in: Jürgen Kocka (Hrsg.): Angestellte im europäischen Vergleich. Göttingen 1981, S. 309-330

Das "andere", das "schwache", das "schöne" Geschlecht - : oder: Die Lust, ver-kehrt zu denken, in: Fundorte. Katalog zur Ausstellung „Kein Ort Nirgends? 200 Jahre Frauenleben und Frauenbewegung in Berlin“. Berlin 1987, S. 38-51

Vita Activa. 80 Jahre Marta Mierendorff. Ein oral- history-Beitrag, in: Helmut G. Asper (Hrsg.): Festschrift Marta Mierendorff. Berlin 1991

Frauen erhebt euch …. Vom Aktionsrat zur Befreiung der Frauen bis zur Sommeruniversität der Frauen- Frauenbewegung in Berlin (1968-1976), in: Christine Färber/Henrike Hülsbergen (Hrsg.): Selbstbewusst und frei. 50 Jahre Frauen an der Freien Universität Berlin, 1998, S. 84-119

„Für strenge Dienstzucht ungeeignete Objekte“. Weibliche Polizei in Berlin 1945-52, in: Fürmetz/Reinke/Weinhauer (Hrsg.): Nachkriegspolizei. Sicherheit und Ordnung in Ost- und Westdeutschland 1945-1969. Hamburg 2001, S. 129-154

Performing Gender with Cross-Dressed Bodies: Das Identity Sampling uniformierter weiblicher Polizei seit 1914, in: Davis/Lindenberger/Wildt (Hrsg.): Alltag, Erfahrung, Eigensinn. Frankfurt/New York 2008, S. 346-361

Büro- und Verwaltungstechnik. In: Ulrich Troitzsch, Wolfhard Weber (Hg.), Die Technik. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Brunschweig Westermann 1982, S. 544-563

Von der (Ohn-)Macht der Frauen. Postbeamtinnen 1933- 1945. In: Lerke Gravenhorst, Carmen Tatschmurat (Hg), Töchterfragen. NS-Frauengeschichte. Freiburg/Br. Kore 1990, S. 193-210

“In Consideration of Female Nature” - Female Police in Germany During the Weimar Republic and Under National Socialism: An Illustrated Text on Modern Gender History, Vortrag gehalten bei der American German Studies Assocation Conference, Los Angeles 1991

Einsatz für die ‚Sittlichkeit‘. Die Anfänge der weiblichen Polizei im Wilhelminischen Kaiserreich und der Weimarer Republik, in: Alf Lüdtke (Hg.): ‚Sicherheit‘ und ‚Wohlfahrt‘. Polizei, Gesellschaft und Herrschaft im 19. und 20. Jahrhundert. Frankfurt/Main Suhrkamp 1992, S. 243-266

Rationalisierung und „Amerikanismus“ in Büros der zwanziger Jahre. Ausgewählte Beispiele. In: Alf Lüdtke, Inge Marssolek, Adelheid von Saldern (Hg.), Amerikanisierung. Traum und Alptraum in Deutschland des 20. Jahrhunderts. Stuttgart Steiner 1996, S. 67-77

Hitlers willige Komplizinnen – weibliche Polizei im Nationalsozialismus 1939 bis 1945. In: Michael Grüttner, Rüdiger Hachtmann, Heinz-Gerhard Haupt (Hg.), Geschichte und Emanzipation. Festschrift für Reinhard Rürup. Frankfurt a.M., New York Campus 1999, S. 517-539

Wie die Frauenbewegung zu Courage kam. Eine Chronologie. In: Gisela Notz, Als die Frauenbewegung noch Courage hatte. Die „Berliner Frauenzeitung Courage“ und die autonomen Frauenbewegungen der 1970er und 1980er Jahre. Bonn Friedrich-Ebert-Stiftung 2007, S. 7-22

Innovationen im Bürobereich. In: Rolf Walter (Hg.), Innovationsgeschichte. Erträge der 21. Arbeitstagung der Gesellschaft für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte 30. März bis 2. April 2005 in Regensburg. Stuttgart Franz Steiner Verlag 2007, S. 313-328