Die Bibliotheken der sozialen Bewegungen
in der deutschen Bibliothekslandschaft

Die deutsche Bibliothekslandschaft wurde im Laufe der vergangenen Jahrzehnte immer wieder in Positions- und Planungspapieren beschrieben. Als Fortschreibung älterer Bibliothekspläne erschien zuletzt die Standortbestimmung “Bibliotheken ´93” (1) , in der versucht wird, den Literatur-, Medien- und Informationsbedarf in Deutschland zu erfassen. Es werden, idealtypisch und hierarchisch, in vier Stufen Grundbedarf, gehobener, spezialisierter und hochspezialisierter Bedarf unterschieden. Die zur Befriedigung dieses Bedarfs notwendigen Einrichtungen des Bibliothekswesens werden beschrieben: von den kleinen und mittleren Stadtbibliotheken über großstädtische öffentliche Bibliotheken, wissenschaftliche Landes- und Hochschulbibliotheken bis zu den Staats-, Spezial- und Nationalbibliotheken.

Das Sammeln von Literatur geschieht in Deutschland hauptsächlich in zwei Arten von Bibliotheken: den öffentlichen und den wissenschaftlichen Bibliotheken. Die Gruppe der öffentlichen Bibliotheken, wozu vor allem die Stadtbüchereien zählen, wendet sich mit ihren Beständen an die breite Allgemeinheit und bietet Informationen zu allen möglichen Themenbereichen. Wissenschaftliche Bibliotheken dienen vorwiegend dem Studium und der Forschung, sie vermitteln weiter- und tiefergehende Informationen. Darunter fallen z.B. Universitätsbibliotheken, Spezialbibliotheken wie auch regionale oder nationale Universalbibliotheken, bei denen noch Archivfunktionen hinzukommen. Die beiden Hauptgruppen sind natürlich in eine Vielzahl von Unter-, Misch- und Sonderformen unterteilt.

Alternative Szenebibliotheken ähneln mit ihrem Anspruch, möglichst ohne Einschränkungen und Barrieren für die Öffentlichkeit zugänglich zu sein, dem öffentlichen Bibliothekswesen. Gleichzeitig rücken sehr spezielle Sammlungsgebiete und relativ geschlossene, hochinteressierte NutzerInnenkreise sie andererseits in die Nähe wissenschaftlicher Spezialbibliotheken. Viele alternative Einrichtungen kombinieren die bei öffentlichen Bibliotheken im Vordergrund stehende Gebrauchsfunktion mit einer, bestimmten wissenschaftlichen Bibliotheken eigenen, Archivfunktion für ihren Sammlungsbereich. Informationseinrichtungen der sozialen Bewegungen befinden sich häufig in einem Grenzbereich zwischen Bibliothek, Archiv, musealem Aufbewahrungsort und tagespolitischer Verkaufs- oder Informationsstelle.

 

Oftmals werden diese Informationseinrichtungen nur von einer oder wenigen Personen geführt. In der klassischen Bibliothekswelt werden solche “Kleinst-Bibliotheken” als “one person libraries” (OPL) bezeichnet (2). Bei der täglichen Arbeit stellt sich die Herausforderung, als EinzelkämpferIn Probleme bewältigen zu müssen, für die man in Szenebibliotheken und archiven oftmals keine Fachausbildung besitzt. Die Zusammenarbeit mit befreundeten Bibliotheken in ähnlichen Konstellationen, die Organisation in Arbeitsgemeinschaften, aber auch der Kontakt zu hilfsbereiten KollegInnen in klassischen Informationseinrichtungen am Ort oder in der Region kann bei der Beantwortung bibliothekarischer Fragestellungen weiterhelfen.

 

In der täglichen Arbeit sind BibliothekarInnen von kleinen Szeneeinrichtungen oft stark in die politische Arbeit eingebunden, der Kontakt zu TrägerInnen und NutzerInnen ist eng und nicht mit den Strukturen in traditionellen Informationseinrichtungen zu vergleichen. Die BetreuerInnen einer Sammlung haben häufig einen großen Einblick in die gesammelten Materialien, sind oder waren selbst an Publikationen beteiligt bzw. haben persönlichen Kontakt zu den ProduzentInnen. Diese, in anderen Bibliotheken selten anzutreffende Konstellation ist ein großer Vorteil von Einrichtungen der sozialen Bewegungen und macht sie zu einem Sondertypus.

 

Bibliotheken sind Teil des öffentlichen Informationswesens. Zusammen mit Archiven, Fachinformationseinrichtungen, Dokumentationsstellen und Museen leisten sie ihren Beitrag bei der Auswahl, Erschließung und Vermittlung von veröffentlichten Informationen. Obwohl die Rolle der alternativen und unkonventionellen Bibliothekseinrichtungen in diesem Zusammenhang meist keine Erwähnung findet, besitzen sie aufgrund ihrer besonderen, von staatlichen Stellen oft vernachlässigten bzw. nicht erreichbaren Sammelspektren, eine wichtige Bedeutung über die szeneinterne Nutzung hinaus. Sie sind, ebenso wie die konventionellen Bibliotheken und Archive, unverzichtbar für die Informationslandschaft, die politische Kultur und die Geschichtsschreibung eines Staates und einer Gesellschaft.

(1)
Bundesvereinigung Deutscher Bibliotheksverbände (Hrsg.): Bibliotheken ´93: Strukturen, Aufgaben, Positionen. Berlin: BDB 1994.

(2)
 Vgl. als Einstieg die umfangreiche Linksammlung zu OPL der Projektgruppe Spezialbibliotheken an der Fachhochschule Hannover: http://
www.spezialbibliothek.de/opl/opl.htm  (Stand: 02.03.2004).

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