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Der Nachlass Annemarie Tröger

  • Dagmar Nöldge
Nachlass; In eigener Sache

Zur Person

Annemarie Tröger wurde 1939 in Jena geboren und verbrachte ihre Kindheit in Thüringen und Sachsen-Anhalt. Der Krieg hinterließ tiefgreifende Spuren in ihrem Leben: Enteignung des Familienguts, Tod des Vaters und jahrelange Trennung von der Mutter. Ab 1955 besuchte sie in Aachen die Oberschule, machte ihr Abitur in Hannover und schloss 1966 das Studium der Psychologie und Soziologie an der FU Berlin ab. Nach anfänglicher Berufstätigkeit im Bereich der Entwicklungspolitik mit Aufenthalten in verschiedenen afrikanischen Ländern und Südamerika übersiedelte Anne-marie Tröger 1968 in die USA. Parallel zu ihrem Postgraduiertenstudium in Los Angeles und Berkeley arbeitete sie als Dozentin in der Aus- und Weiterbildung von Gewerkschafter_innen am Livingston College der Rutgers University in New Jersey und konzipierte studienbegleitende Programme für berufstätige Frauen im zweiten Bildungsweg am Women‘s Center der City University in New York.

Zurück in Berlin baute sie ab 1975 als wissenschaftliche Assistentin zusammen mit Tilda Siegel den Arbeitsbereich Faschismusforschung am Zentralinstitut für sozialwissenschaftliche Forschung (ZI 6) der FU auf. Ihre Forschungsprojekte waren durch einen sozialhistorischen Ansatz gekennzeichnet und konzentrierten sich auf die Themenbereiche Frauen in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus und die Methodenlehre „Oral History“. Nach 1982 arbeitet sie als Lehrbeauftragte an der Universität Hannover zum Thema Frauen in der deutschen Vereinskultur. Trögers anschließende internationale Studie „1968 – A Generation in Revolt“ über die Studentenbewegung der 1960er Jahre in Europa und den USA auf der Grundlage von Interviews bildete einen Höhepunkt ihrer wissenschaftlichen Arbeit. Sie wurde 1988 veröffentlicht.

Von 1991 bis 1992 war Tröger beim Ministerium für Arbeit, Gesundheit, Soziales und Frauen des Landes Brandenburg zunächst mit dem Aufbau der Abteilung Frauen betraut, später als Fachreferentin für die Abteilung Arbeitsmarkt und Frauen tätig und initiierte in diesem Zusammenhang den Verband „Selbsthilfe Brandenburgischer Landfrauen e.V.“ Nach einer beruflichen Neuorientierung nahm sie 1994 eine Stelle als klinische Psychologin in einem Krankenhaus für chronisch Schizophrene an und begann parallel dazu eine Ausbildung zur Gestalttherapeutin, die zur Eröffnung ihrer eigenen psychotherapeutischen Praxis in Berlin Charlottenburg führte.

1996 heirate Annemarie Tröger ihren langjährigen Lebenspartner Burkhard Claus in Kairo. Am 18. Februar 2013 starb sie nach längerer Krankheit im Alter von 74 Jahren.

Zur gesellschaftspolitischen Arbeit

So beeindruckend und facettenreich sich der Lebenslauf von Annemarie Tröger auch darstellt, die Phasen intensiver Erwerbstätigkeit wurden immer wieder von Zeiten der Arbeitslosigkeit unterbrochen. Aber Erwerbslosigkeit bedeutete in Trögers Fall nicht Untätigkeit, denn es gab für sie keine Trennung zwischen privatem Engagement und Erwerbsarbeit.

Während des Studiums war sie Mitglied im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) in Göttingen und Berlin, in den USA gehörte sie zur Organisation „Students for a Democratic Society“ und beteiligte sich an Aktionen und Kampagnen der Frauen-, Friedens- und anderen Bürger-rechtsbewegungen. Schon in der BRD hatte sie sich für im Vietnamkrieg desertierte GIs engagiert. In den USA unterstützte sie die politische Arbeit der 1969 gegründeten Organisation „Vietnam Veterans Against the War“ und half bei der therapeutischen Betreuung von traumatisierten Soldaten.

Auch ihre politischen Aktivitäten im Rahmen der autonomen Frauenbe-wegung sind zahlreich. Von 1968 bis 1969 engagierte sie sich im „Aktionsrat zur Befreiung der Frau“, einer feministischen Gruppe innerhalb der Außerparlamentarischen Opposition. Nach dessen Auflösung baute Annemarie Tröger die Gruppe „Brot und Rosen“ mit auf. Sie war Mitstreiterin des ersten Frauenzentrums in Berlin und wirkte 1978 an der Gründung des FFBIZ mit.

In den 1970er Jahren hatte sie in den USA für CLUW, einer übergewerk-schaftlichen Organisation von Arbeiterinnen und Angestellten gearbeitet, in Berlin rief sie die „Gruppe erwerbsloser Frauen“ ins Leben und agierte in der Projektgruppe „Frauen und Gewerkschaften“ der ÖTV (Gewerkschaft öffentliche Dienste, Transport und Verkehr).

Während ihrer Zeit als Lehrbeauftragte an der FU Berlin war sie Teil der Planungsgruppe für den Bereich Frauenstudien und -forschung, leitete die Frauengruppe Faschismusforschung und gründete die Gruppe der Berliner Dozentinnen, welche 1976 die erste Berliner Sommeruniversität der Frauen initiierte. Im folgenden Jahr gehörte sie zur Vorbereitungs- und Dokumentationsgruppe der Sommeruniversität 1977.

In den USA war sie als Mitarbeiterin für die Zeitschrift „Radical America“ tätig. Anfang der 1980er Jahre beteiligte sie sich an der Gründung der Zeitschrift „Feministische Studien“, später fungierte sie als deren Mit-herausgeberin und Redakteurin. Sie arbeitete mit an der Konzeption und Vereinsgründung von diversen Anti-Gewalt-Projekten, u. a. „Wildwasser“ und dem Weiterbildungs- und Forschungsinstitut „Anna O“.

Als Historikerin nahm sie zudem 1991 am „Runden Tisch von Unten“ in der Arbeitsgruppe „Neue Verfassung der DDR“ teil.

Die immer noch unvollständige Aufzählung ihrer Aktivitäten machen ihr Engagement als Feministin, Netzwerkerin und Aktivistin in der Friedens- und Frauenbewegung deutlich. Zahlreiche Veröffentlichungen in deutsch- und englischsprachigen Publikationen dokumentieren ihre Arbeit als Wissenschaftlerin im Bereich Faschismusforschung, Frauenforschung und „Oral History“.

Zum Nachlass

Der Nachlass von Annemarie Tröger kam im Juni 2013 über ihren Mann Burkhard Claus an das FFBIZ. Er umfasste ursprünglich 41 Umzugskisten, die aus ihren Praxis- und Wohnräumen stammten. Die Materialsammlung bestand zum großen Teil aus Akten- und Sammelordnern mit zum Teil unsortierten Dokumenten, Grauen Materialien, zahlreichen Audios, Periodika, Büchern, Fotografien und unzähligen Kalendern und Notizheften sowie einigen wenigen Gegenständen.

Eine erste grobe Vorsortierung und Umschichtung in Archivmappen und in 111 kleinere Archivkisten wurde von den Mitarbeiter_innen des FFBIZ vorgenommen. Es verblieben drei große Kisten mit Zeitschriften und Büchern, die mit den bereits im Archiv vorhandenen Beständen abgeglichen werden sollen, bevor sie den entsprechenden Sammlungen zugeordnet und in der Datenbank verzeichnet werden. Daneben finden sich in Trögers Nachlass umfangreiche Unterlagen zu Hilde Radusch mit Korrespondenz, Transkripten und Audios von Interviews – eine wertvolle Ergänzung zum bereits im FFBIZ befindlichen Nachlass Raduschs.

Neben den biographischen Unterlagen von Annemarie Tröger zur Lebens- und Haushaltsführung und einer umfangreichen Korrespondenz gibt es acht Kisten mit Notizblöcken, Tagebüchern und Kalendern. Diese Notizbücher mit handschriftlichen Einträgen quellen förmlich über vor Visitenkarten, Fotografien, Presseausschnitten, Einladungen und anderen losen Zetteln. Veranstaltungsnotizen, Sitzungsprotokolle und Anmerkungen zu beteiligten Personen wechseln sich ab mit persönlichen Reflektionen und Projektskizzen und vermitteln den Eindruck eines Lebens auf Reisen: voll mit Ideen, Menschen, Projekten.

Das Kernstück des Nachlasses bilden die Materialien zur 1968er-Oral History Studie sowie zum Forschungsprojekt „Mündliche Geschichte: Ein Charlottenburger Kiez in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus“. In beiden Beständen finden sich neben Trögers Publikationsentwürfen, Korrespondenz und anderen Skripten vor allem transkribierte Interviews mit Zeitzeug_innen nebst Audiokassetten.

Ein weiterer Schwerpunkt sind die Unterlagen aus ihrer Tätigkeit als Wis-senschaftliche Mitarbeiterin an der FU Berlin zu den Themen Frauen und Faschismus und Frauenerwerbstätigkeit zwischen den Weltkriegen, darunter auch eine Zusammenstellung von Examensarbeiten. Auch ihre Arbeit für das Ministerium für Arbeit, Gesundheit, Soziales und Frauen des Landes Brandenburg findet Niederschlag in zahlreichen Aktenordnern, erweitert um Materialien zu Frauen in der DDR und Osteuropa.

In der Sammlung zum (radikalen) Feminismus in den USA Anfang der 1970er Jahre sind einige frühe Lesbenzeitschriften und andere Raritäten enthalten. Die Themensammlungen zu Frauen- und Hausarbeit, Familienplanung und zum § 218 StGB ergänzen unsere Bestände sinnvoll. Im FFBIZ vorhanden war bereits der Handapparat Tröger: Kopien von Doku-menten zu den Aktivitäten des „Aktionsrates zur Befreiung der Frau“ und der Gruppe „Brot und Rosen“. Hinzugekommen sind nun Protokolle und Schriftverkehr zu ihren anderen zahlreichen Aktivitäten im Rahmen der Frauenbewegung in der BRD sowie eigene Publikationen.

Eine tiefergehende archivfachliche Erschließung des Nachlass von Annemarie Tröger steht noch aus. Das Material bietet ausreichend Stoff für unterschiedliche spannende Archiv- und Forschungsprojekte.

Hinweis 08.12.2023: Der Bestand ist inzwischen weitestgehend erschlossen und im META-Katalog recherchierbar.